Zur Rolle der Geisteswissenschaften
sagte Werner Heisenberg:
Sie sprechen von einer kaum bestrittenen Tatsache; aber ich möchte mir erlauben, diese ‘Tatsache’ dennoch zu bestreiten. Sie haben natürlich Recht damit, daß viele Arbeiten in Naturwissenschaft und Technik ausgeführt werden können, ohne philosophische Probleme ins Spiel zu bringen. Doch die grundsätzlichen Fragen, die dieses ganze Getriebe von Naturwissenschaft und Technik in Gang halten, können doch ohne philosophisches Nachdenken kaum gestellt werden. Jedenfalls hat es an dieser Stelle immer enge Beziehungen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie gegeben.
Vielleicht darf ich das, was ich sagen will, durch einen Vergleich deutlich machen. Etwa beim Bau mittelalterlicher Kathedralen haben die Maurer und Steinmetzen ihre Arbeiten ausführen können, ohne viel über Religion nachzudenken. Aber die großen Pläne für die Kathedralen im ganzen sind sicher nur in engster Verbindung mit dem religiösen Lebensgefühl der damaligen Zeit entstanden.
Klingt vernünftig, oder? Die Frage ist nur, was sind die Kathedralen unserer Zeit, noch mehr ist die Frage: Was ist das religiöse Lebensgefühl unserer Zeit?
Das religiöse Lebensgefühl jedenfalls scheint nicht mehr besonders interessant und entscheidend für die Fragestellung der Rolle der Geisteswissenschaft zwischen den ganzen tollen Naturwissenschaften zu sein. Geisteswissenschaften scheinen zwar bei Exzellenz-Kriterien ziemlich unwichtig bzw. -bedeutend zu sein, aber doch in Fragen der Vorratsdatenspeicherung, des Datenschutzes im Allgemeinen, der informationellen Selbstbestimmung, der Subventionierung von Medien und der Rolle der Medien in der Gesellschaft im Allgemeinen bestimmt ne Menge beizutragen. Und sind nicht das die Fragen, die uns – unter Annahme stetiger Weiterentwicklung der individuellen Intelligenzquotienten trotz Niedergangs des Abendlandes – über kurz oder lang mehr beschäftigen werden als die nach der effizienteren Waffe? Ich hoffe es. Auch für die Geisteswissenschaften.
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