Wer ist Cherub?
Zur Christmette in meinem Geburtsort erscheine ich jedes Jahr zu Weihnachten. Dort werde ich von den Pfarrern freundlich begrüßt, weil ich mal Orgel spielte und auch sonst ist alles immer sehr vertraut.
Dieses Jahr war alles anders.
Verantwortlich für die Gestaltung des Abends waren eine neue Pfarrerin, die von der tradierten Form des Gottesdienstes keinen Schimmer hatte und ein neuer Organist, der mit dem Orgelspielen größere Probleme bekam. Das wurde schon deutlich an einem mehr schlecht als recht improvisierten Gottesdienstvorspiel, das die Pfarrerin mit den Worten: “Wir hörten die Pastorale von Johann Sebastian Bach” abkündigte. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich eigentlich schon wieder gehen, aber die Pfarrerin überraschte mich mit der eigentlich recht untypischen Einführung der Liturgie am Heiligen Abend…
Liturgische Gesänge werden grundsätzlich nur von Menschen beherrscht, die regelmäßig in die Kirche gehen, von denen war aber zu Weihnachten niemand zu sehen. Also sprach sie die für den Organisten eigentlich magischen Worte: “Kommt, laßt uns den Herrn anbeten”, die eigentlich mindestens zu einem hektischen Blättern auf der Suche nach der Kyrie im Gesangbuch führten, der Organist aber regte sich für ungefähr eine Minute nicht. So sprach die Pfarrerin: “Na, dann bete ich ihn eben alleine an” und las die Kyrie vor.
Seinen gefühlten Höhepunkt nahm der Gottesdienst an dem Punkt, als wir gemeinsam ein Weihnachtslied sangen, in dem das Wort Cherub enthalten war. Während des Liedes wurde ein junger Mann, der sich auch schon vorher durch extrem auffälliges und schlechtes Benehmen keine Freunde gemacht hatte, sichtlich nervös. Nach dem Lied fragte er laut: “Cherub? Cherub? hab ich noch nie gehört! Wer ist den eigentlich dieser Cherub? Wissen sie, wer Cherub ist?” Die Gemeinde war schockiert! Ein Heide! Natürlich wußte niemand bis auf ein paar mythenkundige Ausnahmen in der Kirche, wer die Cherubim waren, aber dies zuzugeben, wäre Frevel gewesen.
Die einzige Frau, die beherzt genug war, die Situation jetzt noch zu retten, rettete auch meine persönliche Situation und erklärte uns allen nun laut und deutlich wer die Cherubim waren. Von da an war der Störenfried still und mein Weihnachten gerettet.
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