Sidi Larbi Cherkaoui – Myth (19.10.2007 / HAU)
“Besuche die Aufführung und beschreibe eine Bewegung oder eine Szene auf ein bis zwei Seiten.”
Soweit die Anweisung, die ich aus dem ersten tanzwissenschaftlichen Seminar, welches ich besuchen durfte, mit nach Hause nahm und die es nun zu befolgen gilt…
Was zunächst sehr schwierig klingt, offenbart sich hoffentlich im Nachhinein als ein durchführbares Unterfangen – um den Text ein wenig ungewöhnlich und im Zuge dessen vor allem optimistisch zu beginnen. Ein bis zwei Seiten – natürlich abgesehen vom obligatorisch-selbstreflexiven und sprachlich äußerst komplexen Metateil, in dessen Zentrum wir uns – also ich in der Position des lyrisch-wissenschaftlichen Ichs sowie der geneigte Leser – befinden.
Zurück zur Sache: Eingebettet in Cherkaouis Choreographie, die vor Verweisen auf alles mögliche, z.B. auf griechisch-römische Höllenhunde, Transsexualität und die Kreuzigung Jesu strotzt, finden sich dutzende Szenen, welche buchstäblich nach einer interpretierbaren Beschreibung lechtzen. Ihnen diesen Wunsch nach dem Interpretiert-Werden zu erfüllen, stellt aber keine leichte Aufgabe dar, da sich ein Großteil der offenbar Cherkaoui-typischen Bewegungen einerseits ihrer Komplexität, andererseits ihrer schieren Geschwindigkeit geschuldet, einer objektiv-deskriptiven Analyse entziehen.
Viele Möglichkeiten bleiben also nicht, befindet man sich in der unbequemen Rolle der Autorschaft dieses Textes: Die interpretierbare Textgattung wird der interpretierenden weichen müssen, Adjektive werden wahrscheinlich in einer mit der Schönheit der Sprache unvereinbaren Häufung benutzt werden. Nun denn…
Sidi Larbi Cherkaouis Inszenierung stellt die Differenz und den Gegensatz ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Schwarz und weiß, Orient und Okzident, Geburt und Tod, mittelalterliche Musikästhetik und eine Schreiperformance sowie der Unterschied zwischen Licht und Schatten dominieren die Szene. Während das Licht, die weiße, nicht mehr ganz so unschuldige, da offensichtlich gebärende Reinheit, durch blonde Sängerinnen in strahlend weißen, mit Spitzen versetzten Kostümen repräsentiert wird, ist ein Großteil der Schatten in schlichtem Schwarz inszeniert, eng anliegende Kleidung und unartikuliertes, tierisch anmutendes Knurren, Grollen, Hecheln und Stöhnen sind charakteristisch.
Jetzt – endlich – geht es um Bewegungen: Der Choreographie der Schatten bzw. der dunklen Figuren liegt als grundsätzlicher Bewegungsduktus das Spiel zwischen Annäherung und Flüchtigkeit zugrunde. Die dämonisch anmutenden Schattenmenschen entziehen sich in einigen Szenen immer wieder den Annäherungsversuchen der anderen Figuren, die oft einfach nur versuchen, die dunklen Wesen zu umarmen, manchmal besteht der Annäherungsversuch aber auch darin, spontan, überraschend und mit hoher Geschwindigkeit auf diese zuzurennen und sie sogar anzuspringen. Solche stetig wiederholten Bemühungen werden immer wieder zunichte gemacht, mit an Comic-Strips erinnernden Bewegungen entziehen sich die Schatten noch spontaner auch den plötzlichsten Umarmungsversuchen der anderen Figuren, ganz so, als ob sie vorher davon gewußt hätten. Ich gehe zwar davon aus, dass sie durch den Choreographen im Vorab informiert wurden, war aber trotzdem durch diese inszenierte Plötzlichkeit und die damit verbundene Hellsicht angenehm überrascht.
Selbst in dem Moment, als eine Figur versucht, eine beliebige von drei Schattenfiguren zu erheischen, hat sie keine Chance, mit traumtänzerischer Geschicklichkeit, hohen Sprüngen und schnellen Drehungen weichen die Schatten jedem ihrer Annäherungsversuche aus, es wirkt wie die inszenierte und minutiös geprobte Version eines Kinderspiels.
An die für mich beeindruckendste Szene des Abends kann ich mich leider nur noch dunkel erinnern: Eine schwarze und eine helle Figur tanzen ein Duett und verschlingen sich dabei unablässig um- und ineinander. Jedes Mal, wenn eine physikalische Verbindung zwischen beiden Wesen zustande gekommen scheint, wird sie von einer zweiten dunklen Figur, die an einen Ninja-Kämpfer erinnert und einen Kampfstab trägt, mittels dieses Stabes getrennt, die helle Figur verliert daraufhin wie eine Gliedrpuppe, der man die Fäden gekappt hat, sämtliche Körperspannung und sackt in sich zusammen, um erneut vom Duettpartner umschlungen und aufgenommen zu werden. Dieses Spiel wiederholt sich unablässig, der Eindruck einer Sisyphus-Arbeit drängt sich auf.
Bei der Suche nach weiteren Gegensatzpaaren, die die Aufführung beschreiben, stoße ich auf immer mehr Vielfalt und finde es auch deshalb ziemlich merkwürdig, dass im lockeren Formatemix, der mich so beeindruckte und einlullte, dass ich direkt nach der Aufführung nur sehr einsilbige Kommentare zu ihr abgeben konnte, keine klassische Musik und die dazu gehörigen Hebefiguren zu hören und zu sehen waren.
Der wirklich bleibende Eindruck, der den Besuch im HAU ins Gedächtnis einsickern läßt, rührt in meinem Falle leider ausschliesslich von der Musik her, die ich in diesem Text zu allem Überfluss nicht beschreiben sollte: Kein Bühnenbild, keine Musik, keine Atmosphäre!
Beim dritten Punkt habe ich wohl ein wenig versagt und zur Musik muss ich jetzt auch noch was loswerden. Die war wirklich großartig. Perfekt auf den Punkt gespielt und gesungen, ein Feuerwerk der mittelalterlichen Instrumental- und Vokalmusik, teilweise mit sehr modernen Stilmitteln versetzt. Besonders interessant erschien mir dabei eine Spielvariante der Sackpfeife, einen verzerrten Oberton über einen stehenden Grundton zu spielen, so dass der Klangeindruck eines Ringmodulators entstand. Herrlich.
Wenn der Rest der Inszenierung ähnlich konsequent wie die Musik gewesen wäre, müsste ich jetzt nicht schreiben, dass ich das Gefühl hatte, im Leipziger Allerlei des modernen Tanztheaters gesessen zu haben. Leider muss ich das aber. Pech.
Kleiner Tip:
Nicht soviel denken, mehr fühlen…..