Neuer Bodensatz: Erste Lese

Also, ehrlich: Acht(!) Euro dafür, das war wirklich viel zu viel.

Dorthin wanderte der Blick
Dorthin wanderte meist der Blick

Punkt 1: Die Location. Gut, über die Kastanienallee kann man streiten. Aber dieses Schulgebäude mit dem Charme einer Berufsakademie als Veranstaltungsort für die literarische Zukunft Deutschlands… aber nicht doch! Ein makellos idyllischer Innenhof mit gefühlten Bierzeltgarnituren und Kopfsteinpflaster hätte für eine Abrundung des Ambientes gesorgt, wenn das nicht schon vom halb verwelkten Blumenstrauß auf der Bühne erledigt worden wäre.

Punkt 2: Die Technik. Hallo?! Seid ihr nun die digitale Bohème oder nicht? W-Lan funktionierte einfach gar nicht, beim einzigen Lichtblick, dem Abschlussvortrag, fehlt die Frakturschrift bei der Präsentation… trauriges Bild. Weitaus schlimmer: Die Tonanlage.
a) benutzt man kein SM-57 ohne Plopschutz und b) dreht man die Bässe raus, wenn alle bilabialen Plosive zur unerträglichen Qual werden. Und dann diese Kindergarten-Konferenz-PA. Wurgs.

Punkt 3: Die Lesungen … Ich möchte ja ungern als Nörgler dastehen, aufs Schreibhandwerk verstehen sich alle Vortragenden zweifellos bestens, aber Vorlesen will eben auch gelernt sein. Ich möchte einen Text präsentiert bekommen, langweilig runterlesen kann ich ihn auch selbst. Laut oder auch leise in meinem Kopf. Kostenlos. Und schneller. Dieser Eintrag im Erste-Lese-Blog wirkt nur noch zynisch, denn Malte von Spreeblick scheint mit seiner Leseverweigerung eine richtige Entscheidung getroffen, die allen anderen Bloggern (ausgenommen MC Winkel, der zwar ein wenig nuschelte, aber immerhin noch in Wetten-Dass-Manier MCWinkelte, Herrn Bokelberg und Dr. Sno) noch bevorsteht. Der hier nicht genannte Rest sollte seine Texte allesamt von Stefan Niggemeier vortragen lassen und ihn dafür bezahlen.

Punkt 4: Das Beste zum Schluss. Hut ab. Wirklich. Vor Daniel Erk ziehe ich meinen Hut. Da hat der jüngste von allen (wie ich meine, korrigiert mich gern) den alten Herren mal so richtig gezeigt, was ne Harke ist. Konsistenter und witziger Vortrag. Weitaus besser als alle Lesungen. Mit Bildern. Völlig ungekünstelt. Und er hat die Vase mit den häßlichen Blumen unter Applaus entfernt.

Sascha Lobos Schuhe haben so überhaupt nicht zu seinem Anzug gepaßt. Nicht nur der Friseur, auch der Schuhladen hatte wohl schon Feierabend.

Noch mal: Die Veranstaltung an sich: Völlig ok, kein Problem, bisschen dilettantisch, aber ok. Aber acht Euro? Wie meine Mutter so schön zu sagen pflegt: “Das sind sechzehn Mark!”

Vielleicht kann man von dem Geld beim nächsten Mal einfach einen Gang zulegen.

P.S.: Alle Kommentare zum Geld sind als zynisch anzusehen, natürlich ist mir klar, dass man von knapp 600 Euro nicht Gage, Hotels, Verpflegung und Benzin für 10 Blogger bezahlen kann. Aber so wirkte der Eintrittspreis eher abschreckend und es wird für mich vor allem deswegen vorerst kein nächstes Mal geben (Auch, wenn ihr darauf wahrscheinlich nicht angewiesen seid). Sponsoring sollte ne Option sein.

P.P.S.: Und der Ton der obigen “Schmähkritik an allem und der Welt”, nun ja, der ist mir so rausgerutscht, Bloggen soll ja Schreiben, ohne nochmal drüber zu schlafen sein. Trotzdem wäre es vielleicht gut, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen.

  1. Ja, acht Euro … mhm. Stimmt. Nächstes Mal nehmen wir nur einen. Das sind nach Mama Riese nur zwei Mark. Dann können aber keine Autoren von auswärts anreisen, übernachten, und es gebe kein Buffett. Aber wahrscheinlich mehr Bilder. Von Katzen wahrscheinlich. Und das war gar nicht zynisch.

  2. Ja, das Buffett war sowieso der Knaller. Das hat sich mir überhaupt nicht erschlossen. Also, wenn es kein Seitenhieb auf den Terminus Buffettblogger war, dann war es vor allem eins: Völlig unnötig. Gegessen hat man nämlich schon um die Zeit.

  3. Ich kann das schon nachvollziehen (auch wenn ich keine Ahnung habe was nun ein SM-57 ist und welches Verfallsdatum die Blumen hatten), denn normalerweise bin ich schon froh wenn ich nach dem Quälen mit meinen Texten, nach so einer Lesung keine Schadensersatzforderungen erhalte.

    Und genau deswegen Danke dass Du da warst und Dir danach die Mühe gemacht hast so viel über den Abend zu schreiben!

  4. Die Lesenden haben keine Gage bekommen, obwohl wir das gern gemacht hätten.
    Und die Teilnehmer der Lesereise sind auch ohne Fahrtkosten ausgekommen. Kosten entstehen viel fundamentaler bei Location und profaner zum Beispiel bei Bühnenteilen, oder Buffet. Deine 600,- Euro wäre zwar ein Traum für uns, werden das aber auch bleiben. Nicht alle Anwesenden waren zahlende Gäste. Wir haben das zu keinem Zeitpunkt für Geld gemacht und haben auch einen rein finanziellen Verlust in Kauf genommen/nehmen (müssen).

    Uns ging es um anderes. Und dafür werden wir es auch immer wieder tun.

    Zur Atmosphäre: Alle Lesenden, als auch Zuhörende, die ich angesprochen habe, fanden es extrem angenehm. Ich auch. Und gern immer wieder da.

  5. Ja, richtig, die obligatorische Gästeliste hatte ich außen vorgelassen bei meiner unvorsichtigen Schätzung. Und wirklich schade, dass die Lesenden keine Gage bekommen haben…

    Im Endeffekt ist es wahrscheinlich das gleiche, wie mit einer Band aufzutreten, in die man alles menschenmögliche investiert, an die aber sonst nur sehr, sehr wenige Leute glauben. Das habe ich sehr oft gemacht und kenne es deswegen ziemlich gut. Nur bei uns war es andersrum: Die Bands waren scheiße, aber das Drumherum top.
    Und zur Location: Irgendwo in der Stadt sollte es doch die eine oder andere Kneipe geben, die eine 70-Mann-Lesung mit Kusshand und ohne Bezahlung aufnimmt?

    Wahrscheinlich stelle ich mir das aber alles ein wenig zu einfach vor und bin zu allem Überfluss auch noch die falsche Zielgruppe. So, nun aber ab in die Sonne!

    Ach, und ein Shure SM-58 ist das meistverbreitetste Gesangsmikrofon auf der Welt. Das SM-57 ist eher was für Gitarren und dumpfe Schlagzeug-Abnahmen. Sie taugen beide nix, deswegen verwechsle ich sie immer.

  6. Die Meinungen zu der Frage, ob man seine Texte selbst lesen sollte, gehen auseinander. Die einen wünschen die unverstellten Gefühle des Autors, ich halte mehr von gekonntem Lesen. Wie auch immer, Lesungen sind generell eine schwierige Materie. Ich bin aber auch ein Kulturbanause und daher nicht maßgeblich. Mathias hat das allerdings sehr professionell gestaltet und Dinge kosten, was sie kosten. Hat meine Mutter immer gesagt.

  7. Ich hör immer gern den Autor lesen, weil die meisten Autoren überhaupt nicht lesen können. Das mindert meine Komplexe, die sich bei der einsamen Konfrontation mit dem Text bisweilen einstellen. Und ist noch dazu höchst unterhaltsam (Weil hier die ganze Zeit Mütter zitiert werden, darf meine auch zu Wort kommen: Schadenfreude ist die schönste Freude).

  8. Nun, in München, Köln und Hamburg waren die Veranstaltungen unserer Lesereise for free. Insoweit scheint es also zu funktionieren (allerdings in Bars mit erhofftem Umsatz).

    Aber ich persönlich lese ohnehin lieber in Clubs…

  9. hätten ja unsere eigenen touranlage nehmen können, wenn sie nicht in hamburg in den a… gegangen wäre,
    sorri

  1. April 15th, 2007
    Trackback from : Es ist vorbei.
  2. April 15th, 2007
  3. April 15th, 2007
  4. April 16th, 2007
  5. April 17th, 2007
  6. April 23rd, 2007