Max Goldt – Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens

Max Goldt – Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens

Endlich wieder wird mir ein Buch zuteil, welches mich dazu bringt, mich zu schämen. Nicht etwa des Buches oder des Autors, nein, ich schäme mich des etwas zu hell klingenden, jungenhaft-grellen Lachgeräusches, das mir bei der öffentlichen Lektüre dieses Buches entfleucht. In der U-Bahn genauso wie im Café. Ich bin nur wegen dieses Buches U-Bahn gefahren und habe aufs Auto verzichtet. Ehrlich!

Der vorübergehend in der vorübergehend nicht erschienenen Titanic-Kolumne “Diese Kolumne hat vorübergehend keinen Namen” schreibende Goldt entledigt sich im mit den Worten “Prosa und Szenen 2002 – 2004″ untertitelten Werk einiger Texte, die ich – bevor mir der Untertitel bekannt war – nicht als Szenen, sondern als Kurzgeschichten bezeichnet hätte. Wie immer erweist sich der Autor auch hier als um ein Vielfaches sprachgewandter als ich und hat damit Recht. Es sind Szenen. Szenen, die Titel tragen wie “Das süße Nichts” oder “Metrosexualität, Transparenz und die drei dümmsten Aphorismen von Oscar Wilde”. Um nicht den Klappentext, sondern die wirklich schönste Stelle im Buch zu zitieren, braucht es etwas mehr Platz als die Klappe bietet, weswegen der nun folgende Text wahrscheinlich auch nicht der Klappentext ist:

Man kann nichts Großes tun. Zu bewaffnetem Widerstand gegen die Privatsender-Meute aufzurufen, verbietet mir mein Rechtsempfinden, obwohl es in der Geschichte schon weit geringfügigere Anlässe zu Bürgerkriegen gegeben hat. Man kann indes manch Kleines tun. Wenn einem wieder einmal eine Person gegnübersitzt, die “Ich denke mal, ich finde das ein bißchen eine Diskussion, die ich wahnsinnig spannend finde” oder etwas Ähnliches sagt, dann sollte man ihr den Saft abdrehen – natürlich nur, wenn sie im Fernsehen erscheint und nicht im Falle leibhaftiger Begegnung. In letzterem Fall kann man sich immerhin an einen anderen Tisch setzen, oder wenn das nicht geht, so tun, als wäre man schwerhörig und auf diese Weise das Gespräch abwürgen oder ungebührlich lang im Waschraum verweilen, aber auch, als letzten Strohhalm, um Versetzung ins Ausland bitten. Ja, in der Tat, man kann noch, heute noch und morgen bitte schön noch sehr viel mehr, versuchen, die Qualität und Einflüsse, denen man sich aussetzt, mit eigener Kraft zu steuern.

Der Titel des Buches leitet sich aus den strengen deutschen Bauvorschriften ab, die es erst ermöglichen, an so ziemlich allem, vor allem an hölzernen Jahrmarktsbuden, die den Ausbund an Häßlichkeit auf deutsche Weihnachtsmärkte bringen, seitlich vorbeizugehen.

Leider ging die Zeit, die ich mit dieser unterhaltsamen Lektüre verbringen durfte, viel zu schnell vorbei, so dass ich mich nun gezwungen sehe, meine Amazon-Wunschliste um alle Goldt-Werke zu erweitern und diese auch zu kaufen. Kaufen: Ja! – Sofort lesen: Nein! Denn das ist eine Art von Literatur, die man sich aufheben muss. Die darf man nicht auf einmal lesen, damit man mit 40 oder 50 auch noch was zu Lachen hat. Denn eins ist bei der Goldt-Lektüre so vorhersehbar und unvermeidlich, wie der nächste Donnerstag (versuchen Sie doch mal, den nächsten Donnerstag zu vermeiden): Der Lacherfolg.

Max Goldt bei Amazon

  1. Ich liebe Max Goldt. An diejenigen, die ihn nicht kennen: Es empfiehlt sich unbedingt einmal zu einer Lesung von ihm zu gehen oder sich zumindest eine Live Aufnahme von ihm zu besorgen. Er schreibt nämlich nicht nur gut, sondern trägt es auch auf eine unvergleichliche Art vor. Hat man das einmal im Ohr, erschließen sich meiner Meinung nach auch die Texte besser. Mein Favorit: Nächte am offenen Fenster

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