Marktschreier und Kultur

Wer vermutet, Marktschreiertage hätten nichts mit Theatralität oder gar Kultur zu tun, der liegt schief. Am vergangenen Sonntag gegen 16 Uhr ereignete sich auf dem Trottoir der Berliner Karl-Marx-Alle sehr viel. Aber was genau? Vom Veranstalter geschickt in Szene gesetzt koexistierten ca. 30 Stände in nicht besonders ausgefeilter Harmonie. Deren jeweilige Verkäufer versuchten nun, dem vorbeiziehenden Publikum verschiedene Dinge feilzubieten, die Produktpalette erstreckte sich von der essentiellen Mettwurst übers Duschradio bis zum für solche Ereignisse obligatorischen ledernen Freundschaftsbändchen. Dabei zeichneten sich vier Darsteller als den anderen überlegen aus, vor allem im akustisch-technischen Sinne: Während nämlich ein Großteil der Stände nur aus alten Klapptischen und diesen im Alter nicht nachstehenden Pappkartons, auf denen Ramsch angeboten wurde, bestand, bildeten einige Verkäufer einen “harten Kern”…

Diese waren mit Trucks oder Kleinlastern angereist und ließen ihre verbalen Ergüsse von Verstärkeranlagen übertragen, die man eher auf kleineren Rockkonzerten vermuten würde. Joghurt-Jürgen buhlte neben Blumen-Udo (dessen Rolle aus Mangel an männlichen Darstellern oder aus Kunst von einer Frau übernommen wurde) und Käse-Karl um die Aufmerksamkeit des Publikums bzw. der potentiellen Kunden. Dabei kommentierten sie, um einfach im Gespräch zu bleiben, bzw. Aufmerksamkeit zu erheischen, jede noch so banale Tätigkeit, selbst wenn sie selbst gar nicht zu sehen waren, weil sie hinter ihren Aufbauten arbeiteten: “Für fünf Euro, da tu ich noch zwei Riesenfruchtzwerge rein, eins, zwei, und fünf Fruchtjoghurts, eins, zwei, drei, vier, fünf, zweimal den Kraftmeierquark, eins, zwei und dreimal Sechskorn, eins, drei.” Blumen-Udo wurde, wie schon erwähnt, von einer Frau vertreten, deren Verkaufsprinzip im unterschwelligen Beschimpfen der Kundschaft bestand: “Was möchten Sie denn? (Antwort des Kunden: 10 Euro, womit er Blumen im Wert von 10 Euro meinte.) 10 Euro? Die kann ich Ihnen aber nicht verkaufen. Warum können Sie sich denn nicht entscheiden? Die Berliner sind doch sonst immer so fix! Ach, sie kommen gar nicht aus Berlin? Sie kommen aus Nordrhein-Westfalen? Ja, da sind sie langsam. (Antwort des Kunden war leider unverständlich) Ich brauche keinen neuen Mann! Ich habe schon einen. Seit 30 Jahren. War nicht immer leicht. Aber geht schon.” Bei derartigen Äußerungen ist man versucht zu meinen, dass es sich um Schlag menschlicher Wesen handelt, die eigentlich unter Betreuung besser aufgehoben wären, vor allem leiser. Aber nein, hier hat sich aus antikem Marktschreiertum – Marktschreier wurden bestimmt schon vor den Märkten erfunden – eine Kultur entwickelt, Marktschreier haben eine Vergangenheit, sie buhlten lauthals um die Aufmerksamkeit der Kundschaft, lockten mit Waren und vor allem Preisen. Von dieser Kultur ist leider nicht mehr allzu viel übrig geblieben, die Rezession greift auch hier um sich. Der zeitgemäße Marktschreier ist gelangweilt, macht auf sich nicht mehr mit seiner Stimme, sondern mit einer professionellen PA aufmerksam und bietet seine Waren zum Festpreis an. Man konnte also in bester Tankstellentradition Joghurt, Blumen und Käse für fünf Euro bestellen. Diese harte Preispolitik wurde einzig und allein dadurch aufgeweicht, dass Blumen-Udo keine Lust mehr auf die letzte Stunde des Marktes hatte und seinen Wagen schon früher abbaute, während seine Blumen zu Spottpreisen über die Theke gingen. Übrigens: Spottpreise sind hierbei identisch mit dem normalen Ladenpreis. So gingen also die Marktschreiertage zu Ende, die mehr an ein Volksfest erinnerten als an einen Markt, sowohl vom Lautstärkepegel als auch von der Gestaltung der “Buden”. Schöne Neue Welt.

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