Kurt Wagner (20.10.2007 / Quasimodo)

Es ist eng. Es ist warm. Ich schwitze. Ich kann nichts sehen, der Mann vor mir ist groß. Zu spät gekommen, zu weit hinten. Die Bühne ist dunkel. Ich kenne Lambchop nicht. Nicht. Ehrlich. Dann kommt dieser mittelgroße Mann mit Hut fröhlich durchs Publikum gelaufen und trällert einen Song, der ohne Gitarre, ohne viel Text und ohne richtige Melodie auskommt. Es erinnert mich ein wenig an die omnipräsenten Schlachtengesänge aus Full Metal Jacket. Superabend, denke ich, gehe an die Bar und bestelle mir einen 6-Euro-Gin-Tonic. Und meiner Begleitung auch. Der Preis an sich wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn… ja, wenn…
// Flashback //
Wenn ich Idiot nicht die schon bezahlten Karten auf dem Hinweg ins Quasimodo verloren hätte, und wenn wir nicht kurz vor Konzertbeginn nochmal zurück nach Kreuzberg gegurkt wären, um rauszufinden, ob sie dort noch auf der Straße liegen. Taten sie nicht. Ich habe dann am Eingang einem etwas zwielichtigen Mann zwei Karten mit ein wenig Rabatt abgekauft, der ein wenig zusammenzuckte, als ich ihm die Geschichte erzählte. Ich hege den grausamen Verdacht, meine eigenen Karten ein zweites Mal bezahlt zu haben…
Nunja, was solls, wir waren drin und wurden von einer überbordende Lebensfreude versprühenden Devon Sproule begrüßt, die einige Songs ihres aktuellen Albums Keep Your Silver Shined vorstellte und mich sofort alle Misslichkeiten vergessen ließ. Diese Stimme – irgendwo zwischen Jewel und Feist angesiedelt, diese herrlichen kleinen Rückkopplungen, die ihren Auftritt so an The Reminder von Feist erinnern ließen. Rührung pur. Und witzig war sie. Ein flinker Spruch nach dem anderen ließ darauf schließen, dass ihr Konzert am 23. Februar im Café Zapata super wird. Ich geh auf jeden Fall hin.
// Ende Flashback //
Kurt Wagner setzt sich. Auf einen (niedrigen, grrr!) Stuhl. Von da an sehe ich ihn nicht mehr. Ich sehe nur noch die lange Wäscheleine mit den vielen Klammern dran, an die er das Leadsheet jedes gerade beendeten Songs hängen wird, fast, bis man ihn nicht mehr sieht. Schöne Idee, zeigt deutlich den Verlauf des Konzerts, verweist auf die vergangene Zeit, sieht einfach schön aus. Pluspunkt. Die Songs: Nun ja, ich kenne ja – wie gesagt – Lambchop nicht, ein flüchtiges Drüberhören im Radio ist bisher alles, was mir von dieser Band im Kopf rumgeisterte.
Er fängt an zu singen – einen richtigen Song, keine Full-Metal-Jacket-Deklamation und alles ist klar. Unverwechselbar. Tief, unverletzlich, verletzend, laut, verletzt, kratzig, rau, krank, sanft, stark, wow! Ein markantes Delay auf der Gitarre begleitet fast alle Songs, Kurt Wagner singt mit einer ungeheuren Dynamik, das Flüstern jagt einen Schrei und schon ist der Song am Ende und Wagner scherzt behände und fröhlich mit dem Publikum. Er bittet uns, ihm ein paar Fragen zum Zeitvertreib zu stellen. Nach anfänglich betretenem Schweigen kommen auch die ersten forschen Nachfragen nach Wagner selbst, seiner Frau, seinem Hut und Lambchop. Wagner scherzt und scherzt unentwegt, bietet einen Kontrapunkt zu seinen sonst eher melancholisch-verträumten Liedern. Welche mich tief bewegt haben. Das Album ist gekauft. Das Album von Devon Sproule (”I know, it’s hard to recollect, It’s Devon, my mom told me to repeat this at last five times during this concert!”) ist auch gekauft. Weil sie ist, wie sie ist und weil sie gute Musik macht.
Uneingeschränkt toll.
Seine Frau und damit Nachfragen zu seinem Privatleben bringt er übrigens selbst ins Spiel: Sie besteht angeblich seit Neustem auf das Tragen eines Hutes, er weiß noch nicht so recht, was er vom neuen Kopfschmuck halten soll.
No comments yet.