Ich wusste das nicht.
Eindrücke vom Eishockeymatch Eisbären Berlin vs. Hamburg Freezers am 25.11. im Wellblechpalast
Akt 1: Vorher
Es ist kalt. Nicht in der Halle, sondern davor, weil ich aus lauter Pünktlichkeitswahn eine Stunde zu früh gekommen bin. Karte gekauft, mit der Blockwahl total überfordert, für C entschieden. Ich friere. Eine Würstchenbude lacht mich an. Die verbleibenden Euromünzen werden gezählt, ich entscheide mich für eine Wurst, bin schon kurz vorm Bestellen. Dann die erste Ernüchterung des Abends: Mist, falsche Schlange. Insider wissen das. Ich nicht. überhaupt müssen hier ne Menge Insider sein, denn nur sehr wenige Menschen stehen vor der Halle und frieren, eigentlich warten alle in der GASAG-Lounge. Ich finde etwas einem Lokal relativ ähnliches, der Eingangsbereich erinnert an eine Turnhalle…
ch setze mich und bestelle einen Milchkaffee. Ich bekomme eine braune, lauwarme Brühe, versehen mit einem ALDI-Spekulatius und einem Kännchen abgestandener Kondensmilch. Insider wissen das. Insider trinken Bier. Ich hätte es bemerken müssen. Nach einigen Minuten beginnt mein Magen, sich von der Tortur zu erholen und ein dringendes Bedürfnis überkommt mich. Ich suche die Toiletten. Ich finde sie nicht. Ein zu klein geratenes Schild führt mich auf eine Spur: “Toilettenschlüssel am Büffee”. Ich sehe kein Buffet. Gemeint war die Theke. Insider wissen das. So langsam bin ich ein wenig genervt. Ich mache mich auf den Weg zur Halle, ich habe ja schließlich bezahlt.
Akt 2: Drin
Erstaunlicherweise kein Andrang an der Tür. Ich lasse meine Karte einreißen und begebe mich – die Hinweisschilder verzweifelt verfolgend – in meinen Block. Andere Hinweisschilder versperren mir die Sicht: “Liebe EHC-Fans. Bitte seit rechtzeitig in euren Blöcken! Eure Eisbären.” Nach einigen Minuten finde ich meinen Block und stelle mich rein. Ich sehe nichts. Keine Eisfläche, kein Publikum. Ich versuche mich umzudrappieren. Geschafft, 2. Reihe, Block C, das Spiel kann beginnen. Jetzt nur nicht auffallen, niemandem erzählen, dass man Abitur hat oder gar studiert. Zu spüt. Ich wurde gesehen. Es gibt kein Zurück. Ich begrüße meine Kommilitoninnen, die schon lauthals etwas von Ästhetik und Performativität von sich geben und von hinten nur irritierte Blicke ernten. Stolz wird mir berichtet, dass man schon angesprochen wurde, warum man denn keine Schals hätte. Angst bemächtigt sich meiner. Kalter Schweiß. Die ersten Sprechchöre lenken mich ab, ich bin erstaunt über deren rhythmische Komplexität. Die “richtigen” Fans im Block hinter dem meistens gegnerischen Tor entrollen ein riesiges, den kompletten Block überspannendes Transparent, welches eine schockierende Mischung aus FDJ-Flagge und der Berliner “Skyline” zeigt. Überhaupt überraschen mich die grafischen Meisterleistungen, die mir auf riesigen Displays geboten werden. Aber dann beginnt es auch schon:
Akt 3: Das Ritual
Die Eisbären laufen ein, aus den Katakomben der Halle in ihren Verschlag, der leider von Block C aus nicht einzusehen ist. Insidern ist das egal. Ich beginne mich nach meiner Couch zu sehnen, nach einer vernünftig geschnittenen Fernsehübertragung. Aber zurück zum Ritual. Während die Spieler einlaufen, werden auf dem Display ihre Namen angezeigt, der Hallensprecher verlautbart den jeweiligen Vornamen, das Publikum antwortet ihm mit dem Nachnamen des Spielers. Im Großen und Ganzen funktioniert das auch recht gut. Langsam fühle ich mich wieder sicherer, lasse meinen stoisch auf die Anzeigetafel gerichteten Blick durchs Stadion schweifen und entdecke direkt neben mir eine wesentlich unsicherer als ich selbst wirkende junge Frau, ich schätze sie auf 16. Ich entdecke etwas Schockierendes: In der dritten Reihe stehen ausschließlich Frauen um mich herum, ich bin der einzige Mann. Trotzdem scheint das Mädchen neben mir zu den hinter uns stehenden – immer noch laut Spielernachnamen skandierenden – Herren der Schöpfung zu gehören. Ich höre vom Sprecher ein lautes “Rob”, lese “Rob Shearer” und sage das auch. Um mich herum höre ich alles von “Scher” bis “Schiri” und danach verzweifelte Laute des Unverständnis und der Scham, wenn ein Name falsch ausgesprochen werde. Seinen Gipfel nimmt das Ritual in “Mark Beaufait”, den der komplette Block mangels Sprachgefühl nicht aussprechen kann. Immer wieder blickt das Mädchen sich unsicher um, ob irgendjemand bemerkt, dass sie keinen Schimmer von dem hat, was hier passiert… (irgendwann gehts vielleicht nochmal weiter)
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