Ich hatte nie eine Tochter.

Sagte sie. Heftig gestikulierend und tiefrot im Gesicht knallte meine verzweifelte Mutter die Tür zu. Aus. Geschafft. Nach einer stundenlangen ausufernden Moralpredigt hat sie es aufgegeben. Dass das lange Streitgespräch ihr zugesetzt hatte, stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Gegen Ende der recht einseitigen Konversation wurde sie immer leiser und gleichzeitig immer unerbittlicher in ihren Aussagen. Sie konnte genausowenig nachgeben wie eine Erklärung meinerseits verstehen. Sie schlug einfach nur die Tür zu.

Vor 20 Jahren hatten sie geheiratet. Es hat ziemlich gedauert, bis Mamas Familie das akzeptierten konnte. Aber nach einiger Zeit war alles in Ordnung und vor 16 Jahren schenkte sie mir das Leben. Alle waren stolz, meine Großeltern hatten ihre erste Enkeltochter. Ich hatte eine tolle Jugend. Naja, bis heute eben. Dass meine sexuelle Orientierung, die mir erstmals mit 14 Jahren klar wurde, meiner Mutter jemals mißfallen würde, hätte ich nie gedacht. Ich hätte gedacht, sie sei aufgeschlossener. Bis heute, als ich ihr meinen Freund vorgestellt habe:

“Waas?! Hetero?! Du bist heterosexuell?! Wie kannst du mir so etwas antun? Dazu haben deine Mutter und ich dich nicht erzogen! 16 Jahre vergeudet! Einfach vergeudet. Sowas kommt davon, wenn man Kinder in die Welt setzt. Tochter… pah! Ich hatte nie eine Tochter.”

Und dann schloß sie die Tür.

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