Die Vermessung der Welt
“Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt.
Oberhalb aller Bergspitzen sei es still,
in den Bäumen kein Wind zu fühlen,
auch die Vögel seien ruhig,
und bald werde man tot sein.
Alle sahen ihn an.
Fertig, sagte Humboldt.
Ja wie, fragte Bonpland.
Humboldt griff nach dem Sextanten.”
Diese Stelle ist exemplarisch für die lustigen fünf Stunden, die ich gerade mit diesem Buch verbracht habe. Ein wunderbarer Roman über Humboldt und Gauss, über den Entdecker, der alles sehen muss, was er vermisst und über den Mathematiker, der sich die Sterne ins Wohnzimmer holt, um sie zu berechnen. Extrem kurzweilig, voller Seitenhiebe auf die Umstände einiger der wichtigsten mathematischen Entdeckungen (lustig auch, als dem frischen Gymnasiasten Gauss bei einer Ballonfahrt der Gedanke kommt, dass parallele Linien sich immer irgendwo treffen müssen, er aber bemerkt, dass jetzt eine “fröhliches – und – dankbares – Kind – Verbeugung” kommen muss) und sehr spannend.
Fünf Sterne, 1+, Leseempfehlung.
“[...] und bald werde man auch tot sein.” – wohl das Lieblingszitat eines jeden, der dieses Buch gelesen hat (einschließlich der Titanic-Humorkritik-Redaktion) und zweifelsohne komischer Höhepunkt des Buches: Der weltreisende Sozialphlegmat Humboldt versucht sich in Konversation mit den Einheimischen und spült so Goethe mitsamt seinem Gedicht den Amazonas hinunter.
Es ist schon einige Zeit er, dass ich selbst Kehlmanns Roman (Tip: Nennung des Verfassernamens kann bei Buchempfehlungen nie schaden.) mit Freuden gelesen habe. Für eine 1+ würde ich mich dennoch nicht aussprechen. Die Komik des Buches basiert vor allem auf der Eigenschaft des Konjunktivs der indirekten Rede, sprachlich eine Fallhöhe zu erzeugen, die selbst einfachsten Situationen eine Komik abgewinnt, die der Gegenstand selbst teils wohl kaum zu liefern im Stande wäre und damit jedem kongenialen Einfall der beiden Geistesgrößen die Brillianz nimmt und stattdessen den Hauch des Banalen anheftet.
Das Buch vertraut schließlich jedoch zu sehr dieser sprachlichen Raffinesse, und trotz zahlreicher gelungener Seitenhiebe bewegt es sich humorig insgesamt doch eher in seichtem Gewässer.
Trotzdem ein wunderbares – und gelungenes – Anliegen, hochgehaltene Geistesgrößen der Aura des Erhabenen zu entreißen und in den häufig banalen Kontext ihrer Lebensumstände anzusiedeln, um zu zeigen, dass auch sie oft kaum mehr waren, als ein paar ruhmesversessene Spießgesellen. Doch wie auch immer, dieses Buch kann nicht den Maßstab einer Notenskala anführen, denn diese sollte wohl noch nach oben offen bleiben. (Falls die Kategorie “Gutes Buch” jedoch per def. diese Bewertung verlangt, erübrigt sich diese Bemerkung – wie auch die Benotung selbst.)
blablabla… noch so ein Kommentar und ich lösche ihn!
Neinnein, du hast schon recht, es ist wohl keine 1+, die Bewertung ist aus der spontanen Begeisterung heraus entstanden, die ich am Abend des Lesens empfand. Ich war wirklich sehr amüsiert. Tiefschürfend: Nein. Amüsant: Yipiieh!
Ich weiß ja nicht, wie sie bei dir die Hausarbeiten korrigieren, aber von einer nach oben offenen Notenskala hab ich bei uns noch nix bemerkt. Also, warum sollte ich damit anfangen? Alles was halbwegs erträglich ist, bekommt hier ab sofort eine 1+
Die erste Frage, die ich mir nach der Lektüre spontan stellte war: Was soll/will das Buch? Ich glaube – nichts. Nachdem mir das klar wurde bekam es bei mir eine glatte 2.
Mich wollte es unterhalten. Das hat es geschafft.