Der Bakkalaureus

Vor zwei Semestern, als bei uns der Bachelor eingeführt wurde, hatte ich folgende Sicht auf die Dinge:

(Dieser Artikel war immer noch unter den Drafts im Wordpress und muss nun mal raus)

Eine Bezeichnung, die für normale Leute als Beschreibung eines mehr oder weniger heiratswilligen Wesens anmutet, bekommt in der Uni eine neue Bedeutung: Der Bachelor oder anders Bakkalaureus wurde aus universitären Mode- und Spargründen auch bei uns Theaterwissenschaftlern eingeführt. Was zeichnet ihn nun aus, den Bachelor? Ist er modisch? Oder etwa sparsam? Nein. Er sieht eigentlich auf den ersten Blick relativ normal aus, wenn man diese Bezeichnung denn überhaupt auf jemanden anwenden kann, der an unserem recht überschaulichen Institut studiert. Ein wenig verwirrt schaut er drein, zugegebenermaßen nicht mehr als unsereins in den ersten Semestern. Erst wenn man ihn nun näher unter die Lupe nimmt, findet man kleine Besonderheiten, die der typische Magister nicht aufweist

Bei einigen ist es das kaum wahrnehmbare nervöse Zucken eines Augenlids, andere scheinen – sich hektisch umblickend – auf der Flucht vor irgendetwas sein, wahrscheinlich vor der Bibliothek. Dort trifft man sie nämlich nicht. Ob das nun daran liegt, dass ihr streng verschulter Stundenplan keine Zeit zum Lesen erlaubt oder daran, dass sie ihre schulisch unglaublich gut ausgebildeten Sprechwerkzeuge nicht unter Kontrolle haben und darum ständig wieder rausfliegen, weiß ich nicht. Ein weiterer Grund für ihre Bibliotheksphobie könnte auch sein, dass sie schon alles wissen, den Eindruck bekommt man nämlich meist, wenn man einen Bakkalaureus ordinarius reden hört. Was ich hingegen weiß, ist, dass die beiden Worte “schulisch” und “Sprechwerkzeuge” eine entscheidende Rolle im Leben eines Bachelors spielen. Verbrachte der durchschnittlich-desorientierte geisteswissenschaftliche Magister sein erstes Semester noch mit Selbstzweifeln, Zweifeln an der Organisationsstruktur der Universität und erst recht des Instituts, mit Fragen, Suche und Irrwegen, weiß der Bachelor alles, denn alles ist ja wie in der Schule. Es gibt einen Stundenplan – Anwesenheit ist Pflicht! – und am Ende des Halbjahres wird eine Arbeit geschrieben. Gut, im Studium ist es eine Hausarbeit, aber manche kennen auch das aus der Schule. Und wenn ihnen nicht ständig die Worte “Hausaufgaben” und “Lehrer” rausrutschen würden, wäre uns anderen schon sehr geholfen.
Schwierig wird es allerdings bei verschiedenen Lehrmeinungen am Institut. Wurde uns Magistern, wenn wir es nicht schon vorher durch die hohe Schule des Lebens gelernt hatten, doch mindestens in den ersten Wochen des Semesters klar, dass, wenn man – im Gegensatz zur Schule – verschiedene Lehrveranstaltungen zu den gleichen Themen besucht, die Wahrscheinlichkeit differierender Meinungen unter den Dozenten doch recht hoch ist, hört man vom Bachelor häufig die Worte: “Aber Frau Prof. Dr. Sowieso hat uns das anders erklärt. Wie können Sie da recht haben mit dem Unsinn, den sie erzählen?”
Für den durchschnittlichen Dozenten kann dies konsequenterweise nur eins bedeuten: Schnell hin zum Bachelor und ihn bekehren. Das tut der durchschnittliche Dozent dann auch in überfüllten Hörsälen. Der weniger durchschnittliche Dozent wartet erstmal ab, hat dann aber eine schwierige Aufgabe vor sich, dem Bachelor die vorlesungseingebläute Doktrin wieder aus dem Kopf zu befördern bzw. mehr als eine Meinung hineinzubringen.

Heute (zwei Semester später) hat sich eigentlich nicht viel geändert, außer, dass die Bachelor-Studenten weniger auffallen, da sie inzwischen im Grundstudium die Mehrheit der Studentenschaft bilden. Naja, das musste mal raus.

  1. Oh weh, “Der Bachelor” im Fernsehen; das war ein Highlight der abendländischen Medienkultur…

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