bourelly with astrid north im A-Trane / 12. Oktober 2007

Jean-Paul Bourelly und Astrid North

Wie jedesmal, wenn ich mich ins Charlottenburger A-Trane verirre, hatte ich mich – sehr zum Amüsement meiner Begleitung – hoffnungslos verfahren. Mittlerweile scheine ich offensichtlich einen handfesten ins-A-Trane-fahren-Komplex ausgebildet zu haben, denn ich finde es trotz akribischster Vorbereitung immer wieder nur unter allergrößen Mühen und ausschließlich unter Zuhilfenahme größerer Geschütze wie Google Maps oder einem Stadtplan. Diese Methoden führten letztendlich zum Erfolg, so dass ich wenige Sekunden vor Konzertbeginn vor der Tür des weltberühmtesten Berliner Jazzclubs stand und der Türsteherin ein verzagtes “Gästeliste?” ins Gesicht hauchte.

Auch Elektronik-Clubs sollten übrigens das Prinzip der weiblichen Türsteherin für sich entdecken. Aber bitte nur richtig hübsche Frauen, ansonsten funktioniert es nicht: Männer, die aufgrund ihrer Kleidung oder ihres gesamten äußeren Erscheinungsbildes nicht in diese Clubs eingelassen werden sollen, sind das Abgewiesen-werden durch Frauen schon gewohnt und verhalten sich in Folge einer solchen Maßnahme – statt beispielsweise ein Handgemenge zu provozieren – ruhig und ziehen von dannen, um sich zu Hause einen Monat lang in den Schlaf zu weinen oder um den Kummer mit Alkohol wegzuspülen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir – trotz wiederholter Ermahnungen durch die Türsteherin, dass das Konzert jetzt beginne und sie niemanden mehr einlassen könne – nur durch diesen Hinweis auf die heilige Liste gerade noch als letzte Personen vor Konzertbeginn eingelassen worden sind. So eine Liste hat manchmal wirklich existentielle Vorteile.

Ganz abgesehen davon, dass 13 Euro ermäßigter Eintritt schmale Studenten-Budgets schnell sprengen: So stelle man sich zum Beispiel vor, dass man als Student eine Karte für eine Faust-Inszenierung im Deutschen Theater für vielleicht sechs oder sieben Euro zu ergattern vermag, während ein Billet für einen Jazz-Gig im A-Trane gut das Doppelte kostet. Zwar bereitet mir persönlich dieser Gig auch das doppelte Vergnügen, dennoch finde ich, dass diese Eintrittspreise in einem unangemessenen Verhältnis zueinander stehen. Schließlich liebt ja nicht jedermann die Musik so sehr wie ich und ist bereit, astronomische Preise dafür zu zahlen. Ich fordere hiermit jeden, der dies liest, dazu auf, seinen zuständigen Kultursenator auf den durch das unangemessene Jazz-Theater-Eintrittspreis-Verhältnis getrübten persönlichen Kulturgenuss hinzuweisen, notfalls schriftlich.

Gitarrist Jean-Paul Bourelly spielt die ersten Töne, die Begleitung murmelt etwas davon, dass es ihr gefalle, die typischen A-Trane-Spießer sind mir bisher noch egal, juchu, der Abend kann beginnen. Bourelly und North werden begleitet durch Jonas “Bibi” Hammond am Bass und Rico McLaren am Schlagzeug. Die beiden erledigten ihren Job mit Bravour – klare Linien und wenig Gefrickel, durch kurze Virtuositäts-Anflüge versetzt – das war das Credo des Abends.

Hinter der Bühne hing eine Tafel, welche die Zuschauer darüber informierte, was sie gerade genossen. Komisch eigentlich, dass es in Charlottenburg keine Vorklatscher gibt. Das wäre bei diesem Publikum, über welches man sich gar nicht genug aufregen kann, angemessen. Denn woher sollten sie sonst wissen, wann sie ausreichend genossen haben, um den vollzogenen Genuß mit einem wohlmeinenden Applaus zu quittieren?

Der Höhepunkt meiner privaten Verachtung der Zuschauergemeinde war erreicht, als meine Begleitung – die gerade einen ihrer ersten Jazz-Abende in Berlin erlebte, zumindest ihren ersten in Charlottenburg – von einem genervten Zuschauer auf einem Barhocker beiseite geschoben wurde, damit er mehr sehen kann. Dass ich ihn nicht geohrfeigt oder zumindest lautstark-unfreundlich gerügt habe, war neben meiner Feigheit und meinen grundsätzlich eher guten Manieren am meisten der Tatsache zu verdanken, dass ich davon ausging, er wolle der Bedienung einen Weg frei machen, die sichtlich Mühe hatte, sich durch die Menschenmassen zu kämpfen. Späte Genugtuung empfand ich, als eben dieser Grobian – mittlerweile noch genervter – einen anderen Mann von der Größe eines Eishockey-Profis zur Seite zu schieben versuchte. Dieser ließ ihn gewähren, drehte sich aber nach dem kläglich fehlgeschlagenen Versuch nur verächtlich herum, etwa mit einer Geste, die vermuten ließ, dass er gerade durch ein lästiges Insekt gestört wurde.

Jean-Paul Bourelly und Astrid North

Zurück zur Musik: North begann zu singen und meine Jugend brach auf mich herein. Beim Klang ihrer Stimme jagte – ich wurde offensichtlich geprägt durch das Space-Age-Honeymoon-Album der Cultured Pearls, welches auch jetzt gerade läuft – ein Schauer den nächsten erbarmungslos über meinen Rücken. North hat seitdem zweifellos eine Entwicklung erfahren, die Songs sind erwachsener und schnörkelloser geworden, zugleich verlangt sie sich selbst und ihrer Stimme mehr ab. Dies beeindruckte um so mehr, weil sie offensichtlich erkältet war und trotzdem einen perfekten Abend hinlegte. Einzige Wermutstropfen waren der widerholte Hinweis darauf, dass sie ihre eigenen Texte nicht mehr rechtzeitig auswendig lernen konnte und einige kleine Unsicherheiten der Band bei den Abläufen der Songs, die dem durchweg positiven Gesamteindruck des Konzerts aber keinen Abbruch tun konnten. Weiter so!

  1. das macht schon beim lesen gänsehaut.. :)
    ihre stimme hat das aber zu jeder zeit gekonnt..eine der wenigen.

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