Bis einer heult.

Oder bis ich recht habe. Jedenfalls muss ich immer wieder antworten. Kommentieren, bis endlich mal alles gesagt ist. Weiß auch nicht, es scheint sich um einen Zwang zu handeln. Draufhauen, wiederholt draufhauen, am Besten dort, wo es ein bisschen weh tut, gerade an der Grenze zur Unfairness. Genau, wie ich bei Don Alphonso nicht wegsehen kann (mich dort aber glücklicherweise meistens meiner brüchig-schwachen Stimme enthalten kann), musste ich unbedingt die Erste Lese kommentieren (weiter unten). Es war ein Zwang, der nicht nachlassen wollte, bevor der Senden-Button endlich betätigt wurde.

Das Resultat: Ein sehr gewöhnliches Meinungsbild. Die Medienelite findet, ich übertreibe, Organisator Mathias Richel ist verständlicherweise ein wenig pissed, andere finden es in Ordnung, wieder andere ignorieren es, noch andere lassen ihren Frust über die Veranstaltung raus, sind aber so klug, die Antworten darauf nicht weiter zu kommentieren. Also alles sehr gewöhnlich, ausgewogen und auch relativ friedlich. Kein Grund zur Sorge.

Zurück zur Unfallmetapher: Das eingebildete Desaster ist passiert, ich starre hin, kann aber nichts tun, um zu helfen. Abgesehen davon, dass man meine Hilfe nicht will, ist es – auch wie bei einem Verkehrsunfall – so, dass ich nicht nur nichts tun kann, ich möchte auch nichts tun. Meine Baustelle ist eine völlig andere, hat manchmal auch mit Veranstaltungen zu tun, die viel zu viel Eintritt kosten (1), meist aber mit – jaja, ich weiß – Geisteswissenschaft.

Also, was bringt mich einerseits dazu, einen Text zu schreiben, oder – was noch viel häufiger vorkommt – den einen Satz zu sagen, durch den sich andere angegriffen fühlen, und sei es nur in ihrer Auffassung von Arbeit. Auf der anderen Seite: warum kommentiere ich anderswo, um meine Meinung, die mich ja – wie wir einen Absatz weiter oben gelernt haben – eigentlich noch nicht mal selbst interessieren dürfte (”…ich möchte auch nichts tun”), zu verteidigen?

Der Impuls, etwas berechtigt zu kritisieren, kommt immer von ganz tief drin. Irgendwas passt mir nicht, ich will was dazu sagen, aber leider Gottes… die Scham oder wenigstens eine leichte Unsicherheit verbietet es. Ich spreche doch nicht mit wildfremden Menschen, um ihnen zu sagen, dass mir Kleinigkeiten nicht passen. Unpünktlichkeit im öffentlichen Raum etwa. Oder auch schlechte Organisation. Schweiß- bzw. Mundgeruch bei flüchtigen Bekanntschaften.

Hier teilt sich der Informationsweg: Entweder, es rutscht mir raus: “Du riechst komisch.” – Gekicher. Es wird nicht ernst genommen. Natürlich nicht. Sowas sagt niemand. Nicht ernst. Das fällt mir dann nach einem kurzen Moment der Irritation auch wieder ein und ich lache mit; mittlerweile bin ich übrigens peinlich bemüht, darauf zu achten, dass ungefähr 80 Prozent all dessen, was ich sage, als Scherz aufgefasst wird, einfach, um nicht aufzufliegen.

Der andere Weg ist der des Sammlers. Ich halte einfach die Klappe und fresse in mich herein. Bis irgendwann. Wenn der Punkt erreicht ist, an dem nix mehr geht und ich einfach mal ein bisschen Dampf ablassen muss. Die mir angeborene Polemik tut ihr Übriges und dann kommen fiese Überschriften wie “Neuer Bodensatz” dabei raus. Ungerechtfertigt (der Bodensatz ist nämlich ganz wo anders, viel, viel weiter unten, den würde ich wahrscheinlich aus Alter Arroganz heraus auch nicht besuchen und schon gar nicht drüber schreiben) und verletzend.

Dann ist es passiert. Und nun folgen die eigentlich interessanten Konsequenzen. Die Diskussion. Angeregt habe ich so etwas wie eine Diskussion auf meiner eigenen Seite mit dem erwähnten Text zum ersten Mal, auch wenn ich wohl nicht Auslöser der Diskussion war (dafür halte ich eher die Lesung selbst), sondern so eine Art Nutznießer (obwohl ich keinen besonderen Nutzen davon hatte, denn zweifelhafte Minimalpublicity ist für meine eigentliche Arbeit ziemlich unwichtig) … egal, weiter.

Es wird also widersprochen. Man ist teilweise nicht meiner Meinung, kritisiert nicht nur, was ich sage, sondern auch, wie ich es sage. Das sollte mir als quasi-aufgeklärtem Individuum mit dem festen Glauben an die Meinungsfreiheit doch eigentlich ziemlich schnuppe sein. Wenn mir z.B. im Gespräch vermittelt wird, dass man nicht meiner Meinung ist, kann ich das doch auch akzeptieren… nicht. Denn ich bin ein Rechthaber.

Und so passiert es immer und immer wieder… ich kommentiere fleißig meinen eigenen Artikel oder werde auf Seiten, in denen mein Name oder der meines Blogs vorkommt, aufmerksam und bin schneller als die Feuerwehr dabei, zu retten, was nicht gerettet werden will und niemand retten sollte. Ich widerspreche der Kritik und fache sie noch an, anstatt sie einfach stehen zu lassen, mache mich damit unglaubwürdig und zum HB-Männchen.

Niemand, wirklich niemand will zu irgendeiner Zeit eine Rechtfertigung hören. Und wenn sie sich noch so berechtigt anfühlt.

Schade… schade nur, dass es sich bei den hier aufgeführten Erkenntnissen um nutzloses Wissen handelt. Nutzlos für mich, nutzlos für andere, weil das hier leider immer wieder passieren wird.

(1) Mist, da ist es mir schon wieder passiert…

  1. hey you,

    berechtigt war deine kritik schon, nur an der falschen stelle angesetzt und wie du schon richtig festgestellt, a weng übertrieben krümelkackrig. ansonsten: immer raus mit allem negativen oder auch mal positiven. sonst beweihräuchern sich “die da oben” vielleicht noch zu sehr.

    und geschmacksfragen bleiben geschmacksfragen :)

  2. Ich mag auch direkte Kritik. Habe ich auch geschrieben. Kein Ding.
    Pissed bin ich über ganz andere Sachen und das ist nicht deine Kritik.
    Das ich die andererseits trotzdem zynisch kommentiere und es auch hier wieder kommen,
    ist dann widerum meine direkte Ansprache.

    ;)

    Beste Grüße
    Mathias Richel

  3. PS: Lantzschi: Die einzige Situation in der ich mich irgendwie “oben” fühle, ist auf meinem Hochbett. :)

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